Biographie von Franco Fagioli

Franco Fagioli – Biografie

»Der Eindruck bleibt bestechend: Mit ihrem durchaus ungewöhnlichen Timbre schmiegt und schmeichelt sich die Stimme des argentinischen Counters durch die zehn Minuten lange Linie, legt sich butterweich in Alttiefen, um sich gleich darauf aufzuschwingen in reine Höhen, ein Symbol von gefährdeter, gleichwohl gelungener Freiheit. Das gilt umso mehr, wenn Fagioli eine der schnellen Koloraturarien singt, bei denen er in halsbrecherischem Tempo durch die sensationellen drei Oktaven seiner Stimme rasen kann . . . «

Süddeutsche Zeitung über eine Aufführung von Catone in Utica, Juni 2015

Nur ein Ausnahmekünstler kann in den ungemein schwierigen Arien glänzen, die von zentraler Bedeutung für die Barockoper und die frühe Belcanto-Oper sind. Franco Fagioli verfügt über das notwendige Zusammenspiel von technischer Beweglichkeit, Vielfalt des Tons und Stimmumfang, um in Werken zu triumphieren, die zahllose andere Countertenöre vor Probleme stellen. Die erstaunlichen Fähigkeiten des aus Argentinien stammenden Sängers werden weltweit von Kritikern gerühmt und ziehen scharenweise Zuhörer an, die unbedingt diesen Künstler erleben wollen, der auf kaum glaubliche Weise die spektakulären Läufe, Sprünge und Verzierungen selbst der schwierigsten Bravourstücke bewältigt. Im Juli 2015 wurde Fagioli als erster Countertenor überhaupt von Deutsche Grammophon unter Vertrag genommen.

»Fagioli ist ein hinreißender Interpret, sowohl in ... großen Schaunummern, wo seine Stimmakrobatik einfach überwältigend ist, als auch in langsameren, intimeren Stücken«, schrieb der Londoner Guardian in der Rezension zu Fagiolis Aufnahme von Arien aus der Feder Nicola Porporas, des berühmten Gesangslehrers und Komponisten aus dem 18. Jahrhundert. Andere Kritiker priesen die »legendäre Geschmeidigkeit« der Stimme des Countertenors, seine »erstaunliche stimmliche Beweglichkeit, seinen über drei Oktaven reichenden Stimmumfang und seine riesige Palette von Stimmfarben« sowie »das Feuerwerk seiner Koloraturen und die kühnen Sprünge«. Kein Wunder, dass er als einer der besten Sänger unserer Zeit gilt und zunehmend gefragt ist bei den großen internationalen Opernhäusern, Konzertsälen und Festivals. Im Laufe der letzten zehn Jahre hat er mit den angesehensten Dirigenten gearbeitet, wie beispielsweise Rinaldo Alessandrini, Gabriel Garrido, Nikolaus Harnoncourt, René Jacobs, Marc Minkowski, Riccardo Muti, Christophe Rousset, Riccardo Minasi und Emmanuelle Haïm. Er tritt zudem regelmäßig mit den Ensembles Il pomo d’oro und Armonia Atenea auf.

Franco Fagioli wurde im nordargentinischen San Miguel de Tucumán geboren. Er erhielt Klavierunterricht am Musikinstitut von Tucumán und studierte dann Gesang, zunächst in seiner Heimatstadt und später am Instituto Superior de Arte, dem Ausbildungszentrum des Teatro Colón in Buenos Aires. Den Durchbruch erzielte der schon beeindruckend ausgereifte junge Interpret, als er im Oktober 2003 den 10. Internationalen Gesangswettbewerb »Neue Stimmen« der Bertelsmann-Stiftung gewann. Fagioli bewies sein ungewöhnliches Talent mit einer Reihe von wichtigen Operndebüts. 2005 sang er mit großem Erfolg die Titelpartie in Händels Giulio Cesare am Opernhaus Zürich und hat diese Rolle seither für die Norwegische Oper (2007), die Händel-Festspiele Karlsruhe (2008) und die Finnische Nationaloper (2012) verkörpert. 2007 trat er unter Riccardo Muti erstmals bei den Salzburger Pfingstfestspielen auf und wurde dort begeistert empfangen (die Neue Zürcher Zeitung feierte seinen »glanzvollen Auftritt), als er 2014 mit einem Programm virtuoser Arien zurückkehrte, die Rossini und Meyerbeer für Giambattista Velluti, den letzten großen Kastraten, geschrieben hatten. Bei seiner erneuten Rückkehr im Mai 2016 verkörperte er Romeo in Nicola Antonio Zingarellis Giulietta e Romeo. Fagioli gab sein USA-Debüt Anfang 2010 mit einer triumphalen Interpretation der Titelrolle von Cavallis Giasone am Chicago Opera Theater. 2011 erhielt er als erster Countertenor in 30 Jahren die höchste musikalische Auszeichnung Italiens, den Premio Abbiati.

Händel

Mit seinen überragenden Interpretationen hat Franco Fagioli sich einen Namen als einer der besten Händel-Sänger unserer Zeit gemacht. Über seine erfolgreichen ersten Auftritte als Giulio Cesare hinaus erhielt er begeisterte Kritiken für seine Interpretation des Ariodante 2010 bei den Händel-Festspielen Karlsruhe, wo er regelmäßig auftritt. 2014 und 2015 glänzte er dort in der Titelrolle von Händels Riccardo Primo. Er verkörperte zudem Händelrollen wie Poro bei den Händel-Festspielen Halle, Teseo an der Staatsoper Stuttgart und Bertarido in Rodelinda beim Festival della Valle d’Itria 2010 in Martina Franca. Dieser Auftritt als Bertarido war der Auftakt zu einer fruchtbaren Partnerschaft mit dem Dirigenten Diego Fasolis und veranlasste die italienische Fachzeitschrift L’Opera, Fagioli zum »Sänger des Jahres« zu wählen. Fagiolis Vielseitigkeit und Virtuosität kamen 2012 erneut zur Geltung bei seinem Debüt bei den Salzburger Sommerfestspielen, wo er in der schwierigen Rolle des Andronico in Händels Tamerlano die üppigen tieferen Register seiner Stimme zeigte. 2016 trat er erstmals bei den Festspielen in Aix-en-Provence auf, wo er die Partie des Piacere in einer szenischen Produktion von Il trionfo del tempo e del disinganno mit Concert d’Astrée und Emmanuelle Haïm sang. Diese Inszenierung wird Anfang 2017 an der Opéra de Lille und am Théâtre de Caen wiederaufgenommen.

Mozart

Fagioli verkörperte im April 2014 Sesto in Mozarts La clemenza di Tito an der Opéra national de Lorraine in Nancy und im November des Jahres gab er sein Debüt am Royal Opera House, Covent Garden als Idamante in Idomeneo. In der Saison 2015/16 trat er in konzertanten Aufführungen von Lucio Silla an der Philharmonie de Paris und am Theater an der Wien auf.

Kastraten-Rollen

Die Partie des Arsace in Aureliano in Palmira wurde für Giambattista Velluti geschrieben. Es war Fagiolis erste Rossini-Rolle und mit ihr eroberte er 2011 das Festival della Valle d’Itria (das Giornale dei Lavoratori rühmte ihn als »wahren Trumpf dieser Produktion«). Im Herbst 2012 verblüffte er das Publikum ebenso wie die Kritiker mit seinen Auftritten in Nancy als Arbace in Leonardo Vincis Artaserse, eine Rolle, die für Sopran-Kastraten geschrieben wurde und die er anschließend an mehreren bedeutenden Häusern in Europa sang, unter anderem in Versailles (nachdem er sie zuvor schon auf CD und DVD aufgenommen hatte). Im Jahr darauf faszinierte er die Musikwelt mit dem Album Arias for Caffarelli (»... die Leichtigkeit und geradezu übermenschliche stimmliche Beweglichkeit, mit denen er einige der großen Bravournummern bewältigt, sind einfach atemberaubend«, kommentierte The Guardian). Die Werke auf diesem Album, ursprünglich für den italienischen Starkastraten Caffarelli geschrieben, wurden häufig als unsingbar angesehen. Ebenfalls für Caffarelli geschrieben ist die Rolle des Farnaspe in Pergolesis Adriano in Siria. Fagioli singt sie in einer Decca-Aufnahme, die im November 2016 erscheint, und in einer konzertanten Aufführung am Theater an der Wien in der Saison 2016/17.

Und noch mehr . . .

In den letzten Jahren hat Fagioli bei einer Reihe von Opern-Gesamtaufnahmen mitgewirkt, so bei den Welt-Ersteinspielungen von Caldaras La concordia de’ pianeti (als Apollo) für Archiv Produktion, Hasses Siroe (als Medarse) und Vincis Catone in Utica (als Cesare) für Decca. Das letztgenannte Werk präsentierte er auch auf Tournee mit Riccardo Minasi und Il pomo d’oro in Wiesbaden und Versailles in der Spielzeit 2014/15. Die Produktion wurde beim Festival in Bukarest und am Theater an der Wien im September 2015 wiederaufgenommen. Im selben Monat erschien als erste Frucht der neuen Partnerschaft mit Deutsche Grammophon Glucks Orfeo ed Euridice. Die Zusammenarbeit wird im September dieses Jahres weiter vertieft mit der Veröffentlichung von Fagiolis erstem Solo-Recital bei DG: Rossini-Arien mit Armonia Atenea und George Petrou.

Kommende Höhepunkte

Der virtuose Countertenor beginnt seine Saison 2016/17 im September mit seinem Debüt an der Pariser Opéra in der Titelrolle von Cavallis rekonstruierter Oper Eliogabalo. Es folgen Recitals mit Rossini-Arien am Théâtre des Champs-Elysées und Opernhaus Zürich. Für Februar bzw. März 2017 sind erste Auftritte in München (im Konzert) und am Teatro Real in Madrid (mit dem Caffarelli-Programm) geplant.  Fagioli kehrt dann nach Nancy zurück, wo er sein Rollendebüt als Arsace in Rossinis Semiramide gibt, und im Sommer 2017 verkörpert er am Teatro Colón in Buenos Aires Händels Giulio Cesare. Im September 2017 steht sein Debüt an der Mailänder Scala an.

9/2016